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100 Jahre Eiszeitforschung

im Ahrensburger Tunneltal -

Vortrag Dr. Tromnau 2010

Den Rentierjägern auf der Spur

Unter diesem Titel referierte der Archäologe und ausgewiesene Experte der ausgehenden Altsteinzeit Dr. Gernot Tromnau am 14. April 2010 in der Universität Hamburg auf Einladung des Hamburger Vorgeschichtsvereins und der Ägyptisch-Deutschen Gesellschaft Nord über sein Spezialgebiet. Von 1967 bis 1971 grub und forschte der Schüler des berühmten Alfred Rust im Ahrensburger Tunneltal und erweiterte das Wissen über das Leben der Menschen in jener Zeit um 10.000 bis 8.000 v.Chr. um etliche wissenschaftliche Erkenntnisse (Teltwisch-Gruppe). Heute sind aus dem Bereich des Ahrensburger Tunneltals vor den Toren Hamburgs über 60 späteiszeitliche Fundstellen bekannt.

In einem hoch lebendigen Vortrag voller wissenschaftlicher Details, persönlicher Anekdoten und privater Fotoaufnahmen führte Tromnau seine Zuhörer - unter ihnen zahlreiche Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Vor- und Frühgeschichte des Kreises Stormarn -zurück in die Anfänge der Eiszeit-Archäologie in Schleswig-Holstein. Erste Funde wurden zwar bereits 1906 und in den 20er Jahren gemacht. Eiszeit-Archäologie aber ist weltweit mit einem Namen verbunden: Alfred Rust. Aus ganz einfachen Verhältnissen kommend arbeitete sich der Hamburger zum Meister des Elektrohandwerks empor, besuchte die Volkshochschule und Seminare des Archäologen Prof. Dr. Gustav Schwantes an der Universität. Schwantes wurde sein Lehrer und Mentor. Zusammen mit einem Freund und wenig Geld unternahm Rust mehrere Reisen mit dem Fahrrad nach Syrien und ergrub dort eine altsteinzeitliche Siedlung. Damit war seine Anerkennung als Wissenschaftler perfekt.

 

Fundorte späteiszeitlicher Rentierjäger-Lager

(Gernot Tromnau: Den Rentierjägern auf der Spur - 50 Jahre Eiszeitforschung im Ahrensburger Tunneltal. Neumünster 1980, Seite 9.)


1931 erkannte Rust in Meiendorf, ausgestattet mit einem nahezu untrüglichen Blick für Landschaftsformen und ihre mögliche geologische Geschichte, seinen ersten archäologischen Fundplatz in einem Toteisloch. Zwei Jahre später begannen die Probegrabungen. Rust war auf die Spuren eiszeitlicher Menschen gestoßen, auf die ersten Hinterlassenschaften von in dem Grenzgebiet von Tundra und "ewigem Eis" nomadisierenden Rentierjägern. Im Frühjahr und im Herbst folgten sie den Rentierherden und stellten sie dann in einer Landenge - dem Ahrensburger Tunneltal. Kleine Seen und Bäche, die das Schmelzwasser der bis in diese Gegend vorgedrungenen Gletscher in Richtung des Urstromtals der Elbe transportierten, waren ein idealer Rast- und Jagdort.

Und Rust machte weitere Funde: in den Sedimenten eines verlandeten Sees im Stellmoor und am Pinnberg im nördlichen Bereich des Tunneltals. 1940 erhielt Alfred Rust den Ehrendoktortitel, 1942 habilitierte er sich mit den Ergebnissen der Stellmoor-Forschung. Es gelang ihm, die unterschiedlichen Fundstellen zeitlich zu datieren: Die Hamburger Kultur von 10.000 bis etwa 9.000 v.Chr. und die Ahrensburger Kultur von 9.000 bis 8.000 v. Chr. Archäologen unterteilen diese Perioden noch weiter. Maßgeblich sind dabei die Zuordnungen der so genannten Leitfunde, unterschiedlich bearbeitete Arbeitsgeräte aus Feuerstein oder Tierknochen. Auch die Überreste von Lagerplätzen und von Zelten konnten gefunden werden. Insgesamt liegen in den Archiven heute rund 300.000 Artefakte. Und die Forschungen werden weiter gehen...

Alfred Rust, der auch sich selbst immer wieder dazu aufrief, eigene Forschungsergebnisse im Lichte neuer Entdeckungen kritisch zu überdenken und notfalls zu korrigieren, tauschte sich ständig mit Wissenschaftskollegen anderer Fachgebieten aus, vor allem mit Geologen, Botaniker und Biologen. Dieser damals nicht ganz selbstverständlichen Zusammenarbeit sind die meisten der bahnbrechenden Erkenntnisse Rusts zu verdanken. Sein Kollege Professor Gripp "erfand" sogar das Prinzip zur Grundwasserabsenkung. Dennoch waren die Arbeiten im Schlamm und im immer wieder neu einbrechenden Grundwasser schwer genug.

Gernot Tromnau ging in seinem Vortrag auch auf die "unrühmliche" Zeit Alfred Rusts im Dritten Reich ein. Als der Archäologe im Herbst 1944 - 44 Jahre alt und auf dem Höhepunkt der wissenschaftlichen Forschung - noch zum Volkssturm eingezogen werden sollte, riet ihm sein damals schon bekannter Kollege Prof. Dr. Herbert Jankuhn (erster Ausgräber von Haithabu) in die Waffen-SS einzutreten und sich somit unter den Schutz der Himmler-Bewegung des "Ahnenerbes" zu stellen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der politisch völlig inaktive Rust deshalb stark angefeindet, ihm drohte sogar der Entzug der Ehrenbürgerschaft von Ahrensburg. Alfred Rust, geboren am 4. Juli 1900, starb am 14. August 1983.

Sein bekanntestes Buch ist wohl nach wie vor "Vor 20 000 Jahren - Rentierjäger der Eiszeit". Im Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal führt der gut und informativ beschilderte "Alfred-Rust-Wanderweg" zu vielen Fundstellen. Der Rundweg beginnt am S-Bahnhof Ahrensburg-Ost, dort, wo Rust 1941 drei bearbeitete Hölzer einer vermutlichen Götzengruppe entdeckte. 1982 wurde das Tunneltal zum Naturschutzgebiet erklärt.

Lang anhaltender Beifall - vor allem von den anwesenden Studenten - belohnte Dr. Gernot Tromnau für seinen Vortrag, der auch sehr menschliche Einblicke in die Arbeitsweise eines Archäologen vermittelte. So wissen die Zuhörer nun, wo Tromnau einst beim Graben im Schlamm seine Gummistiefel für immer verlor...

MB